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Lulu



Hamburgische Staatsoper
Hollandfestival 2003 – Amsterdam

werldpremière: 9 november 2003


Opera van Alban Berg, naar de tragedies Der Erdgeist en Die Büchse der Pandora van Frank Wedekind

De Hamburgische Staatsoper uit Duitsland behoort tot de meest toonaangevende operagezelschappen in de wereld. Muzikaal leider Ingo Metzmacher en regisseur Peter Konwitschny hebben met hun eigenzinnige visie op opera-ensceneringen de afgelopen tien jaar een belangrijk stempel gedrukt op het Europese operagenre. Samen creëerden zij in 1998 en 2003 twee bijzondere interpretaties van de bekende opera’s Wozzeck en Lulu van Alban Berg. Op uitnodiging van het Holland Festival zullen beide nu voor het eerst tegelijkertijd worden uitgevoerd – een unieke gebeurtenis, waarmee Ingo Metzmacher zijn afscheid van Hamburg en zijn komst naar De Nederlandse Opera in 2005 extra luister bijzet.

"Dat aloude idee over Lulu, het monster, dat mannen verslindt, vind ik saai. Dat gaan wij anders doen." Peter Konwitschny

 

Credits:
muzikale leiding: Ingo Metzmacher
regie: Peter Konwitschny
toneelbeeld en kostuums: Hans-Joachim Schlieker
dramaturgie: Bettina Bartz
licht: Hans Toelstede
uitvoerenden: Marlis Petersen (Lulu), Anne Gjevang, Katja Pieweck, Dieter Weller, Jürgen Sacher, Andreas Schmidt, Albert Bonnema, Jan Buchwald, Andreas Hörl, Hermann Becht, Peter Galliard, Carl Schultz, Jonas Olofsson, Holger Waernecke, Peter Unbehauen
orkest: Philharmonisches Staatsorchester Hamburg

productie: Hamburgische Staatsoper

werldpremière: 9 november 2003, Hamburg

 

Wohin der Wind uns treibt: Dem „Lulu“-Ensemble gewidmet

„Liebe bedeutet Leidenschaft, Phantasie, Schönheit“: Zitat des Robin Williams aus dem Film „König der Fischer.

Liebe, Leidenschaft, Phantasie und Schönheit. Diese vier Begriffe fassen in etwa zusammen, wie ich meine Arbeit mit dem „Lulu-Ensemble“ der Hamburgischen Staatsoper verstanden habe und was ich als vorübergehendes Mitglied dieses Ensembles erlebt habe. Alles, wirklich alles war da drinnen. Diese „Zwölfton-Oper“ von Alban Berg, nach Frank Wedekinds Libretto komponiert, hatte höchste musikalische Schwierigkeitsgrade. Deshalb war es, aus meiner Sicht, auch so ungemein wichtig, dass Ingo Metzmacher dirigierte und Peter Konwitschny Regie führte. Da war die gebündelte kreative Kraft vereint, diesen Musik-Brocken“ adäquat umzusetzen. Und es war dabei auch kein bunt zusammen gewürfelter Haufen von Akteuren, die dann aktiv wurden. Das gesamte Staatsorchester schwang in voller Konzentration, in absoluter Präzision und war fast perfekt. Dann die Besetzung. Allen voran Marlis Petersen; sie riss das Publikum eins ums andere mal zu Beifallsstürmen hin. Wenn sie sang, wurde das Publikum in die höchsten Höhen sich immer wieder neu öffnender Musik-Welten entführt. Wiewohl dieses Stück sehr schwierig war und einige Male konnten etliche Zuschauer das Zuhören einfach nicht mehr aushalten und gingen dann zur Pause einfach.

Aber beginne ich von vorne. Der Künstlerdienst der „Agentur für Arbeit“ in Hamburg rief mich an und schickte mich zu einem Casting an die Probebühne der „Hamburgischen Staatsoper“. Sie müssen wissen, ich bin wirklich kein Musiker und Sänger klassischer Coleur, sondern eher ein Liederschreiber und Sänger mit Naturstimme, der sich durch die „Beatles“ in seiner Jugend musikalisch nachsozialisiert hatte. Als Knabe hatte ich zwar eine wunderbare Stimme, die mir oft in Eisgeschäften und anderen Orten „Einkommen“ brachte, die aber nach dem Stimmenbruch verschwand, so dass ich zunächst das Singen mit Stütze und Ton vor der Nase nicht gelernt hatte. Erst sehr viel später nahm ich dann bei dem Wagner-Tenor Michael Mertig, der auch Hannes Wader unterrichtete, Gesangsunterricht. Fasziniert stellten er und ich fest, dass sich meine einstige Knabenstimme, die ich für verloren hielt, in einen warmen Bariton verwandelt hatte. Dieser „Stimmenschatz“ war aber nie vorher „gehoben“ worden. Als Michael mir anbot, einmal bei einem von ihm veranstalteten Kirchen-Konzert zu singen überkam mich schon eine große Freude. Leider ließen meine damaligen beruflichen Verpflichtungen eine Fortsetzung des Unterrichts nicht zu. Meine Natur-Stimme aber war jetzt mit einem lange von mir vermissten tiefen Ton ausgestattet, was mir heute, beim Singen eigener und fremder Lieder, sehr zugute kommt. Die Beatles jedenfalls waren es, die mich, und auch so viele andere, in die Musik, in die für uns wirkliche Musik, brachten. Das bedeutete aber auch „Roll over Beethoven“, was für uns junge Musikbegeisterte einem Schlachtruf gleichkam. Klassik wurde zu Hause doch immer zum Sonntagsbraten, vom Plattenteller serviert. Dies ging einher mit all den Widersprüchen, die man in seinem Elternhaus vorfand und die dann u.a. durch Beispiele aus Opernarien gekittet wurden, in dem Vater darauf hinwies, wie schön Musik doch sein könne und welche Werte dort vermittelt würden. Ich nahm das auch sehr ernst denn mein Vater, selber ein exzellenter Sänger, der auch schon mal vom damaligen Swing –Orchester Teddy Stauffer`s begleitet wurde, hatte einen guten musikalischen Geschmack. Er liebte Benjamino Gigli und dessen Interpretation des italienischen Kinderliedes „Nina Nana“ oder hörte mit Inbrunst „Die Moldau“. Nur Mozart, mein heimlicher Favorit, kam ihm nicht ins Haus. Später fand er sogar Elvis und die Beatles gut. Aber alles, was wir pubertierenden jungen Menschen nun aber aus England zu hören bekamen, widersprach dieser Musik und deren Werte. So gab es auch eine regelrechte Notenverachtung. Die Beatles waren nachgerade stolz darauf, keine Noten lesen zu können.


Nun ja, hätten sie aber ihren Produzenten George Martin nicht dabei gehabt, der seinerzeit auch Dirigent der Londoner Philharmoniker war, so wären wohlmöglich nie so schön für Streicher und Blech arrangierte Werke wie „Yesterday“ oder „All you need is Love“ oder das dramatische Lennon-Werk „A day in a Life“ entstanden. Kurzum, Noten??! Vom Blatt spielen?! Nur was für Blockflöte trötende Spießer, wie wir meinten. Wie vermessen doch, wie ich heute finde. Ich will auch nicht groß über das Für und Wider des Vom-Blatt-Spielens“ lamentieren, aber aus meiner heutigen Sicht wäre es schon sehr nützlich gewesen, wenn mal ein vernünftiger Musiklehrer an unserer Schule einen vernünftigen Musik-Unterricht zustande gebracht hätte. Die Notenlehre blieb uns Schüler, meines Erachtens durch falsche oder überhaupt keine Vermittlung weitestgehend ein Buch mit sieben Siegeln. Erst später, im Verlaufe meines Musikerlebens, habe ich mir nach und nach die nötigen musiktheoretischen Daten zusammengesammelt. Unser damaliger Pianist vom „Bhakti-Tautropfen-Orchestra“ zum Beispiel hatte, nach Gründung unserer Band, gerade sein Konzert-Pianisten-Diplom am Augsburger Musik-Konservatorium erworben.. Er hatte uns relativ Theorie-Unkundigen den Funktionszusammenhang des Quinten-Zirkels und einiges andere aus der Harmonie-Lehre beigebracht. Er aber wollte nie mehr Klassik spielen und war dem Free Jazz verschrieben. Freie Improvisationen bildeten die Grundlage unseres Musizierens. Aber vom Blatt, so wie es die Musiker des Staatsorchesters tun, habe ich fortan nie gespielt und nie spielen müssen, weil ich immer eigene musikalische Projekte in unserer eigene „Lead-Sheet-Sprache“ produzierte. Immer alles aus dem Kopf und nach dem Gehör. Und nun, Staatsoper, „Lulu“, somit das musikalisch Schwierigste, was es meines Erachtens überhaupt gibt.

Das „Casting“

Ich kam also zum Vorsingen und - Spielen bei der Probebühne der Staatsoper an und lernte sogleich Peter Konwitschny, den Regisseur der Oper, kennen. Peter, ein hoch gewachsener, lässig mit Jeans bekleideter langhaariger Mann mit Zopf, begrüßte mich sehr freundlich und nahm mich mit in einen separaten Proberaum, in dem ein Flügel stand. Er bat mich, etwas vorzusingen. Ich wählte mein Lieblingsstück „Wenn alles sich dreht“ von Jaques Brel komponiert, aus. Inbrünstig sang ich dieses wundervolle Lied mit der zum Schluss so ungeheueren Steigerung des Tempos. Peter und sein Begleiter waren beeindruckt und gratulierten mir zu meinem Vortrag. Dann spielte er mir die besagte Ballade „Konfession“ vor, die ich nun künftig in der Rolle eines Bänkelsängers singen sollte. Dieses Lied wurde von Frank Wedekind sowohl getextet, als auch komponiert. Der Rhythmus war etwas schwierig im 6/8 Takt. Das grandiose daran aber war, dass genau mit dieser Melodie die Ouverture der Oper beginnt. Ich sollte das Lied, als Straßenmusikant verkleidet, im Foyer der Oper singen und beim dritten Klingeln das Ganze im Saal wiederholen. Mit Spots auf mich gerichtet, sollte ich dann singender und spielender Weise die Seitengänge hinunter bis zum Orchester-Graben gehen, um mich dort dem Publikum zuzuwenden. Am Ende der zehnten Strophe würde ich dann vom Staatsorchester unterbrochen werden, welches dann die Melodie der Ballade übernehmen sollte. Man trug mir auf, das Orchester daraufhin zu beschimpfen, um danach den Saal wieder zu verlassen. Ende unseres Auftritts. Das war die Aufgabe. Puh, dachte ich, als Peter mir das nun erklärt hatte. Er sagte: „Sie sind doch Profi, das kriegen sie schon hin!“ Zu diesem Zeitpunkt wusste ich aber noch nicht, dass wir diese Aufgaben zu zweit zu lösen hatten. Peter Unbehauen, ein Hamburger Jazzmusiker und Autor, sollte den zweiten Bänkelsänger geben. Ich kannte ihn aus vergangenen „Hamburger-Szene“-Tagen, in denen wir in zueinander in Konkurrenz stehenden Bands spielten. Fünfundzwanzig Jahre hatten wir uns nicht mehr gesehen und trafen uns hier nun wieder.

Peter Unbehauen und ich hatten zwar ein Stück weit eine gemeinsame musikalische Vergangenheit, doch ist es, außer dass wir uns bei einigen Auftritten mal über den Weg gelaufen sind und auch mal den einen oder anderen Small-Talk geführt hatten, nie zu einer bedeutenderen musikalischen Zusammenarbeit gekommen.

Die musikalische Arbeit

Peter ist ein Multi-Saiten-Instrumentalist. Er spielt eine sehr gute Folk-Gitarre mit Finger-Picking, gleichzeitig noch Banjo, Mandoline und Kontrabass.
Mit Letzterem unterhält er oft in einschlägigen Hamburger Jazz-Clubs mit seiner Band die Leute. Überdies spielt er noch ein hervorragendes Akkordeon, dass er bei Auftritten im maritimen Bereich oft zum Einsatz bringt. Da er dazu noch Musiklehrer ist, verfügt er über profunde musiktheoretische Kenntnisse. Was mich aber am meisten an ihm erstaunte, waren seine zeichnerischen Fähigkeiten. Er ist ein wahrer Meister der Kalligraphie, einer meditativen asiatischen Schriftübung. Er schuf freihändig die schönsten kalligraphischen Schriftzüge und stellte damit wahre Kunstwerke her. Ein Computer hätte das nicht besser gekonnt. Vor mir stand also ein gereifter Künstler, etwas scheu, zurückhaltend, wortkarg. Er hatte schon einige Zeit vor mir den Job angeboten bekommen und war bei seinen Proben zu dem Wedekind-Lied „Konfession“ deshalb schon etwas weiter fortgeschritten als ich. Ich bekam mein Angebot etwa zehn Tage vor der ersten Orchesterprobe und musste mich nun richtig ranhalten, um dieses schwierige Lied einzustudieren. Peter Konwitschny hatte mir die Noten dazu gegeben. Um mir ganz sicher zu sein, dass ich dieses Lied nun auch richtig einstudierte, hatte ich Okko Bekker gefragt, ob er mir also bei dem Arrangement der Ballade helfen könne. Okko willigte sofort ein. Okko Bekker ist eine Hamburger Musik-Institution, ein Musiker, der mit seiner Comedy-Music-Band „Okko, Lonzo, Chris und Timpe“ eben auch in den frühen Hamburger-Szene-Tagen Furore gemacht hatte. Er ist ein guter Freund von Otto Waalkes, hochintelligent und schlau. Ein richtiger Fuchs im Musikbusiness, mit allen Wassern gewaschen, der heute Filmmusiken schreibt. Dieses überaus harte Geschäft hatte ihn nie verbogen. Ich lernte ihn als hilfsbereiten und absolut ehrlichen Menschen kennen, der sich aber seines Ranges in der Hamburger Musikhierarchie voll bewusst ist. Ich traf mich also mit Okko in seinem Studio, um „die Nummer auseinander zu klabüstern“.  Okko und ich hatten die Sache so gut hinbekommen, dass ich nunmehr eine musikalische Folie hatte, an der entlang ich mir das Lied, nun auch mit Hilfe der Noten, aneignen konnte. Eine fiebrige Erkältung, die gerade in dem Moment im Anzug war, als ich das erste mal bei der Casting-Probe bei Peter Konwitschny war, warf mich nun auch noch in meiner Zeit, die ich zum Proben zur Verfügung hatte, um drei Tage zurück und ich war schon ganz verzweifelt. „Schaffe ich das bis zur groß angekündigten Premiere überhaupt noch….?“ fragte ich mich immer wieder. In meiner Wohnung probte ich Tag und Nacht. Dann lief ich morgens singender weise durch den Stadtpark Peter wollte das Lied auch etwas rezitativ gesungen haben, also mit besonderen, sprechgesanglich orientierten Betonungen einzelner Zeilen. Besonders den Ausruf „Wie viel lieber wär`ich eine Hure!“ wollte er fast geschrieen haben. Ich lief also frühmorgens um sechs Uhr durch den Stadtpark und brüllte immer wieder, wenn diese Zeile im Lied drankam: „Wie viel lieber wär` ich eine Hure!“

Das wiederum veranlasste einen eher etwas kleineren Hund, der mit seinem Frauchen dort spazieren lief, mich, fest die Vorderpfoten in den Boden gestampft, aus ca. fünfzehn Meter Entfernung anzuknurren und anzubellen. Er wollte sein „Frauchen“ beschützen. Erst als ich der Frau zurief, dass es sich bei meinem Geschrei um eine Theaterprobe handele, sprach sie beruhigend auf das Tier ein, so dass es, zwar noch murrend und knurrend und sich immer wieder drohend umdrehend, mit ihr von dannen zog. Ich musste erst einmal stehen bleiben, um mich vor Lachen auszuschütten. Das war eine Real-Satire wie ich sie liebte.

Der Text

Der Text des Liedes „Konfession“, den ich auswendig zu lernen hatte, war von solcher Gedankentiefe. Wie intensiv hat wohl der Autor auf dem Grund seiner Empfindungen geforscht, um diese glanzvollen Worte in den Theaterhimmel empor zu taufen. Dabei hieß es von gut unterrichteter Seite, dass Frank Wedekind seine Sozialkritik an der Gesellschaft der frühen Jahre des letzten Jahrhunderts, in denen „Lulu“ ja spielt, selbst der verlogenen Doppelmoral bürgerlichen Lebens unterworfen war. Sich ihrer also nicht erwehren konnte. Hatte er in seinem Text doch recht frei, wenn auch etwas verschlüsselt, seine Bedürfnisse artikuliert, so sah es in seinem wirklichen Leben dann doch wohl etwas anders aus. Er soll die Dienstmagd seiner Ehefrau zu seiner Geliebten gemacht haben. Na ja,…ich will Frank Wedekind hier nicht desavouieren, denn über Moral zu urteilen ist difizil. Legen wir also gnädig den Mantel des Schweigens über diese Geschichten und widmen uns lieber dem Verlauf dieser unglaublichen Story über zwei Hamburger Liedermacher, die plötzlich in die Weihen der Hamburgischen Staatsoper erhoben wurden. Der Text:

Konfession

Freudig schwör` ich es mit jedem Schwure,
vor der Allmacht die mich züchtigen kann.
Wie viel lieber wär` ich eine Hure,
als an Ruhm und Glück der reichste Mann.

Welt in mir ging dir ein Weib verloren,
abgeklärt und jeder Hemmung bar.
Wer war für den Liebesmarkt geboren,
so wie ich dafür geboren war.

Lebt` ich nicht der Liebe treu ergeben?
Wie es and`re ihrem Handwerk sind?
Liebt ich nur ein einzig` mal im Leben,
irgendein bestimmtes Menschenkind?

Lieben nein, das bringt kein Glück auf Erden!
Lieben bringt Entwürdigung und Neid.
Heiss und oft und stark geliebt zu werden,
das heißt Leben, das ist Seligkeit.

Oder sollte Schamgefühl mich hindern?
Wenn sich erste Jugendkraft verliert.
Jeden noch so selt`nen Schmerz zu lindern,
den verweg`ne Phantasie gebiert.

Schamgefühl ich hab` es oft empfunden.
Schamgefühl nach mancher edlen Tat.
Schamgefühl vor Klagen und vor Wunden,
Scham wenn endlich sich Belohnung naht.

Aber Schamgefühl des Körpers wegen,
der mit Wonnen überreich begabt.
Solch ein Undank hat mir fern gelegen,
seit mich einst der erste Kuss gelabt.

Und ein Leib vom Scheitel bis zur Sohle,
allerwärts als Hochgenuss begehrt.
Welchem reiner`n, köstlicher`n Idole,
nach zu streben ist das Dasein wert?

Wenn der Kniee leiseste Bewegung,
Kraft erzeugend wirkt wie Feuersglut.
Und die Kraft aus wonniger Erregung,
sich zu überbieten nicht mehr ruht.

Immer unverwüstlicher und süßer,
immer klarer im Genuss geschaut.
Das es statt vor Ohnmacht dem Genießer,
nur vor seiner Riesenstärke graut.

(An dieser Stelle unterbrach das Orchester…)

Welt, wenn ich von solchem Zauber träume,
dann zerstiebt zu nichts was ich getan! .
Dann preis` ich das Dasein und ich bäume,
zu den Sternen mich vor Größenwahn.

Unrecht wär`s wollt`ich der Welt verhehlen,
was mein Innerstes so wild entflammt.
Denn vom Beifall vieler braver Seelen,
frag` ich mich umsonst woraus er stammt. .

Nach dem Vorsingen und meiner darauf erfolgten Buchung bei und von Herrn Konwitschny erwischte mich gleich eine Grippe. Schon bei dem Vorsingen spürte ich sie, wie schon erwähnt, heraufziehen. Dies war natürlich etwas beschwerlich für mich, denn ich hatte insgesamt sowieso nur zehn Tage Zeit, diese Wedekind-Ballade „Konfession“ einzustudieren. 
Kalte Wadenwickel machten mich dann auch wieder einigermaßen fit, so dass ich dann auch weiterproben konnte.  Ich aber versuchte zu schlafen, schnell wieder gesund zu werden, damit ich gut vorbereitet zur ersten Probe an die Staatsoper kommen konnte.

 

Mein grippaler Infekt legte sich allmählich, so dass ich nun beginnen konnte, meine eigene musikalische Begleitung auf der Gitarre einzustudieren. Zwei Tage vor der ersten Probe traf ich mich dann mit Peter Unbehauen, meinem Kollegen, um das Lied gemeinsam zu proben. Dann trafen wir uns mit Peter Konwitschnie, dem Regisseur der Oper, und trugen ihm unsere Duo-Fassung vor. Peter, mein Kollege, hatte etwas Schwierigkeiten mit dem sprechgesanglichen Charakter des Liedes, so dass wir uns erneut zu einer Probe trafen, in der ich versuchte, ihm das rezitative Singen näher zu bringen. Er bekam das dann auch einigermaßen hin, blieb aber im Wesentlichen bei seiner eher Folk-Song-artigen Auffassung dieses Stückes. Wir einigten uns, dass ich dann während der Proben und Aufführungen in die Anpassung gehen würde, um ihn zu stützen, was mich, als eigentlich präsenter Bühnenkünstler einigermaßen in Verlegenheit brachte, weil ich in meinen sonstigen Gesangsdarbietungen immer sehr offensiv und dem Publikum zugewandt bin. Wir ahnten schon was auf uns zukam, denn wir sollten das Ganze ja im Saal der Staatsoper, jeweils die beiden weit voneinander entfernt liegenden Seitengänge hinunter „wandelnd“ und über die Köpfe des bereits sitzenden Publikums hinweg möglichst synchron singend und spielend zum Vortrag bringen. Dass Peter aus besagten Gründen nun die Führung dabei übernahm hatte zwar den Nachteil, dass ich ein Stückchen meiner Dynamik aufgeben musste, andererseits war Peter besser vorbereitet, weil er schon eine Woche früher kam als ich und ohne Erkrankung proben konnte. Von daher war diese Lösung für mich dann auch ok, so dass ich ihm künftig „hinter her sang“, somit seinen mangelnden Stakkato-Gesang etwas ausgleichen konnte und er mir dafür Sicherheit gab.

Dieser arbeitsteilige Ausgangspunkt war für uns beide zu akzeptieren und so kamen wir zur ersten Probe in den großen Saal der „Hamburgischen Staatsoper“, wo Ingo Metzmacher und Peter Konwitschny uns freundlich und herzlich begrüßten. Diese Probe wurde der Orchesterprobe vorangestellt. Wir sangen das Lied vor und naturgemäß verhaspelte ich mich ein wenig, was zur Folge hatte, dass mich der Regisseur ermahnte, den Text noch sicherer vorzutragen. Meine Entschuldigung ob meiner etwas widrigen Probenumstände ließ er zwar gelten, entließ mich aber mit den Worten, „dass es zur Orchester-Probe aber sitzen müsse“. „Oha“, dachte ich, „ hier weht aber ein heißer Wind.“ Peter Unbehauen war so ein guter Freund, dass er mir anbot, weiter Zeit für Proben mit mir zu opfern und so probten und probten wir das Lied immer wieder, bis es dann so saß, das mir mein Gehirn nun wenigstens den kompletten Text zum Gesang servierte, ohne dass ich dabei noch weiterhin aus dem Tritt kam. Dergestalt präpariert trafen wir uns zur Orchester-Probe.

Wir spielten unseren gesamten Auftritt vom Foyer bis zum dritten Klingeln durch. Im Saal angekommen, schritten wir die Stufen bis zum Orchestergraben singender- und spielenderweise herunter, sangen, nun vor dem Orchester aufgebaut, noch zwei weitere Strophen in den publikumslosen Saal, wobei Ingo Metzmacher uns verabredungsgemäß mit dem Orchester unterbrach und seine Musiker veranlasste, die Melodie des Liedes zu übernehmen, die ja den Auftakt der Ouvertüre dieses Stückes bildete. Zwar hatte ich auch diesmal noch ein paar kleine Aussetzer, die ich aber damit zu überdecken suchte, mich eher tastend singend vorzuwagen, derweil mein Kollege Peter laut und deutlich sang.

Peter Konwitschny war`s zufrieden, denn er hatte natürlich gemerkt, dass wir auch, wie geheißen, weiter an diesem Stück gearbeitet hatten. Er munterte uns auf und sagte mir dann aber auch noch, dass ich das Ganze bitte etwas lauter singen solle, dieses aber augenzwinkernd, was ich Klasse von ihm fand.

„Der Mann hat Ahnung und Stil“; dachte ich so für mich.

Nach dieser Probe blieben Peter und ich im Saal und schauten uns die weitere Probe des gesamten Ensembles an. Ich sah die Hauptdarstellerin, Marlis Petersen, dabei das erste Mal, sah, in welchem Verhältnis die einzelnen Akteure zueinander standen. Es kommen in dem Stück hocherotische Szenen vor und Marlis hatte von daher ein bühnenmäßig bestimmtes Techtelmechtel mit allen anwesenden Tenören. Ich war gespannt zu sehen, ob die Herren nun Spiel und Realität auseinander zu halten wussten oder ob da etwa auch echte Eifersucht im Spiel war, so wie es ja in dem Stück dargestellt werden sollte. Es waren aber alles Profis und sie lachten und amüsierten sich über das Geschehen. Wer wohl mit wem was hat? Dachte ich so still für mich und schaute mir das Geschehen noch interessierter an. Jedoch werde ich mir, hier an dieser Stelle, auch wenn ich da zu Ergebnissen gekommen wäre, absolutes Stillschweigen verordnen.

Die Premiere

Die Staatsoper war schon eine Wochen lang mit dem in riesigen Lettern an der Glasfront angebrachten Namen L U L U geschmückt. In allen Medien wurde über die bevorstehende Premiere berichtet. Das Foyer der Oper füllte sich mit elegant gekleideten Menschen. Es summte und brummte vor Stimmengewirr als ich, vom obersten Stockwerk des Foyers das Lied singender und spielender weise, den auf den Gängen versammelten Leuten gegenübertrat. Die Überraschung war gelungen. Sie schauten mich erstaunt und teils erschrocken an. Hat sich hier etwa ein Straßenmusikant eingeschlichen? Was tut der hier?! Sie schauten wie Kühe wenn`s blitzt. Doch nach und nach fingen sie an zu begreifen, dass das Lied, das ich sang, vielleicht ja doch zu der Oper gehörte, denn ein Straßenmusikant würde ja wohl niemals einen solch komplizierten Text vortragen. Wieso auch…?

Einige Leute blätterten in ihren Programmen um etwa einen Hinweis auf das Dargebotene vorzufinden. Andere näherten sich mir interessiert und neugierig, fragten mich, wer das Lied geschrieben hätte, andere ignorierten mich einfach. So ging ich Stockwerk um Stockwerk bis in das Eingangs-Foyer hinunter. Auf der Hälfte der Strecke hörte ich meinen Kollegen singen. Das irritierte mich ein wenig, so dass ich schnell eine Treppe tiefer hinunterging und dort meinen Vortrag fortsetzte. Im Foyer und dem darunter gelegenen Graderobenraum sang ich mit Inbrunst diese wunderschöne Wedekind-Ballade und etliche Kultur beflissenen Leute nickten mir anerkennend zu, andere applaudierten symbolisch.

Nach dem 2. Klingeln ging ich, wie verabredet, zum Haupteingang des Opernsaals, wo Peter und ich, jeder an seiner Eingangstür wartend, auf das dritte Klingeln horchten, das unser Signal war, die Ballade, nun im Saal, die Seitengänge herunterwandelnd, vorzutragen. Mir klopfte das Herz bis zum Hals und als das Signal kam, betraten wir mit unseren Gitarren den Saal. Gleißende Spots waren auf uns gerichtet, zwischen uns die Menge der sitzenden und noch plaudernden Zuschauer und wir begannen, um Synchronität kämpfend, zu singen. Es war plötzlich mucksmäuschenstill im Saal und als ich „Wie viel lieber wär` ich ein Hure“ Chlochard-mäßig brüllte, so wie Peter Konwitschny es wünschte, flogen etliche Köpfe in meine Richtung und einige empörte Rufe aus dem Publikum wurden laut. Ja, so wollten Ingo und Peter das ja haben!. Irritiert aber auch fasziniert schaute sich das Publikum nach uns um. Ich ging langsam auf den im gleißenden Licht befindlichen Orchestergraben zu und drehte mich, unten angekommen, dem Publikum in diesem ausverkauften Riesensaal zu, nicht jedoch ohne vorher zu meiner alten Bekannten Dorothy Habig, Hornistin im Orchester, hinunterzuschauen und sie mit den Augen zwinkernd zu begrüßen.

Ingo Metzmacher stand, mir zugewandt und seinen Taktstock bereithaltend, an seinem Pult und wartete auf das Ende der 10. Strophe, jener, in der er unseren Vortrag unterbrechen wollte und nach der das Orchester die eben noch gesungene Melodie übernahm, weil gerade mit dieser der Auftakt der Ouvertüre zu Lulu beginnt.
Perfekt setzte das Orchester ein und nun mussten wir die Musiker dafür beschimpfen, dass sie uns unterbrochen hatten. „ „Immer das Gleiche mit Euch! Jedes mal fangt ihr mitten in unserem Lied an zu spielen, das ist doch eine Schweinerei so was, ich kündige!“ Völlig konsterniert, einige aber auch amüsiert, schauten die Leute im Saal diesem unserem Treiben zu. Noch immer leicht schimpfend und sich mit Gesten an das Publikum wendend, gingen wir dann langsam aus dem Saal hinaus. Ende unseres Auftritts. Puhh!!

In der Kantine

Nach unserem Auftritt gingen Peter und ich in die Kantine. Wir hatten unsere Gitarren dabei und als der Chefbeleuchter uns sah sagte er: „Hey, da sind ja unsere Jungens, kommt, spielt uns mal ein bisschen Rock`n Roll!“ Peter und ich ließen uns das nicht zweimal sagen. Wir legten sofort mit dem Beatles-Kracher „I saw her standing there“ los. Die Beleuchter-Crew strahlte. Dann folgte „Roll over Beethoven“, natürlich ging sofort die Tür auf und das Ensemble des Staatsorchester kam herein, um in der Pause etwas zu trinken oder zu essen. Die meisten von denen freuten sich über unsere Musik aber einige guckten auch pikiert. Dann spielten wir etwas Ruhigeres. Als mir jemand sagte dass unter denen jetzt auch ein berühmter Dirigent sei, stimmte ich Udo Lindenbergs Song „Der Dirigent“ an. Das musste einfach sein. Die Jungs und Mädels vom Orchester aber bewiesen ihren Humor und der Dirigent auch. 

Als ich das Stück gesungen hatte gab es einen riesigen Applaus vom Orchester. Dann aber mussten sie wieder in ihren Graben und die Oper „Lulu“ ging weiter.

Peter und ich gingen in den hinteren Bühnenraum und schauten von dort aus der Aufführung zu. Wir sahen Ingo Metzmacher auf einem kleinen Bildschirm dabei zu, wie er dirigierte. Es war unfassbar. Diese Zwölfton-Musik war vom Zuhören in ihrer Vielschichtigkeit her schon kaum nach zu vollziehen, aber wie einer das nun mit soviel Überblick auch noch dirigieren konnte, war mir schleierhaft. Mit offenen Mündern standen Peter und ich da und staunten.
Dann kam unsere großartige Sopranistin Marlis Petersen. Sie hatte mich, als ich sie das erste mal sah, sofort für sich eingenommen.. Eine ganz liebe ist das. Offen, aufgeschlossen, liebenswürdig und sehr charmant kam sie daher. Alle Herzen flogen ihr schlagartig zu. Und dann die Arien, die sie sang. Wie eine "Sternin" erhob sie sich und ihre Stimme über alles, was da klang und sang. Kraftvoll und ausdrucksstark kämpfte sie mit den obskuren Tönen, die das Orchester dazu zu spielen hatte. Sie setzte sich immer wieder durch und jedes Mal, wenn sie sich über die Bläser, etlichen Kontrabässe und Streicher-Ensembles hinweg gesungen hatte, erstrahlte ihre Stimme in einem immer neuerem und noch herrlicherem Klang. Das Publikum und wir alle waren hingerissen. Dabei blieb sie absolut bescheiden, nett und freundlich im Umgang. Nichts abgehobenes, durchgeknallt arrogantes war an ihr. Wie eine gute Freundin von nebenan. Klasse! 

Dann kam der Schlussapplaus. Hierachisch, nach Rollenpräsenz angeordnet, wurden die Darsteller vom Regieassistenten auf die Bühne gelotst. Mein Herz klopfte bis zum Hals. Ich kannte die Staatsoper vorher ja nur vom Zuschauer-Raum aus gesehen. Und nun lag diese leere Bühnenfläche vor mir, über die hinweg ich das magisch beleuchtete Publikum klatschen sah. Als wir zum Verbeugen dran waren, stürmten wir an den Bühnenrand und siehe da, der Applaus hob sich in seiner Lautstärke für uns. Wir hatten es geschafft, wir waren jetzt wirklich drinnen im Ensemble, im Stück. Wie berauscht verbeugte ich mich und glücklich lachte ich ins Publikum hinein. Dann kam Peter Konwitschny hinter die Bühne und überreichte uns jedem eine Rose. Wir waren so gerührt, dass uns die Tränen in den Augen standen. Derweil nun aber wurden die Hauptakteure auf die Bühne gerufen. Je nach Rollenwichtigkeit ging einer nach dem anderen, sich den wohlverdienten Applaus abzuholen. Der Beifall steigerte sich eins ums andere mal. Und als Marlis Petersen die Bühne betrat, steigerten sich das Klatschen und die Rufe zu einem Orkan. Da erkannte ich, über welchen Sachverstand das Publikum verfügte und als Marlis Petersen, Ingo Metzmacher und Peter Konwitschny die Bühne gemeinsam betraten, war nichts weiter als der Teufel los. Peter, der „Skandal-Opern-Regisseur“, wurde, als er zunächst alleine auf die Bühne ging, sowohl beklatscht, als auch mit Pfiffen und Buhrufen bedacht.
Diese Inszenierung von ihm war auch wirklich ziemlich krass. Der Gipfel war, das Marlis sich riesige Plastikbrüste anlegen musste, was einigermaßen merkwürdig aussah und auch die sexuellen Anspielungen und Darstellungen riefen den einen oder andern (spießigen) Kritiker auf den Plan. Ich aber fand es toll. Vor allem die etwas „bordellesken“ Darstellungen. Interessanter Weise sah man, auf dem Bildschirm hinter der Bühne, nicht nur Ingo Metz-macher beim dirigieren, sondern, im Halbdunkel, auch einige, meist Männergesichter, aus den vordern Sitzreihen. Die wussten nicht, dass sie gefilmt wurden. Das Minenspiel der Herren, das man, wenn man genau hinsah, zu sehen bekam, ließ kaum Fragen offen. Mehr sag ich nicht dazu.

Peter Unbehauen und ich wurden dann noch freundlich zur Premieren-Feier in ein italienisches Restaurant in der Hamburger Innenstadt eingeladen, wo wir noch ein paar Stunden mit diesem bunten Völkchen, in das ich mich auf der Stelle verliebt hatte, zusammen saßen.

 

 

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